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Jahresbericht 2008

Nichts Ausserordentliches – und trotzdem ausserordentlich!

2008 hat sich in unserer Haupttätigkeit, der Beratung sehbehinderter Menschen, nichts ereignet, das uns veranlasst hätte, etwas an unserer Arbeit zu verändern; es gibt nichts über grosse Neuerungen oder Veränderungen, aber auch nichts über grosse Probleme zu berichten – heutzutage fast ausserordentlich! Unspektakuläres wurde tagtäglich von unserem Beraterteam geleistet. Und trotzdem wurde nicht minder wertvolle Arbeit erbracht, welche viel zur Verbesserung der Lebensqualität sehbehinderter Menschen beiträgt. Für viele eben doch ausserordentlich!

Im Berichtsjahr blieb die Zahl der Klienten insgesamt stabil. 1’381 sehbehinderte Menschen haben eine unserer Dienstleistungen im Bereich der Beratung bezogen. Ein Drittel unserer Klientinnen und Klienten wurden durch unsere Sozialarbeiterinnen, nahezu neunzig Prozent durch die Rehabilitationsfachkräfte beraten. Das zweite Jahr in Folge hat die Zahl der neuen Klienten abgenommen. Sofern dies auf einen Rückgang der Zahl von Menschen, die mit einer Sehbehinderung konfrontiert werden, hindeuten würde, wäre das sicherlich eine erfreuliche Tatsache. Bedauerlich wäre es hingegen, wenn dies darauf zurückzuführen wäre, dass sehbehinderte Menschen nicht über das Angebot der Dienstleistungen durch unsere Stelle informiert sind oder wegen der seit 2007 eingeführten Beratungsgebühr auf die Inanspruchnahme unserer Leistungen verzichten.

Dass im Speziellen bei Seniorinnen und Senioren, die mit altersbedingten Augenkrankheiten konfrontiert sind, ein starkes diesbezügliches Informationsbedürfnis besteht, wird durch die grossen Besucherzahlen der von uns gemeinsam mit Augenärzten in Thun und Burgdorf durchgeführten Veranstaltungen über Netzhauterkrankungen im Alter eindrücklich belegt.

Die Tatsache, dass viele Klienten im Verlauf der Jahre immer wieder unsere Stelle aufsuchen, deutet doch darauf hin, dass unsere Dienstleistungen geschätzt werden und nützlich sind.

Die Altersstruktur der Klienten nimmt seit einigen Jahren quasi die demographische Alterung der Bevölkerung in der Schweiz vorweg, d.h. wir beraten überdurchschnittlich viele sehbehinderte Menschen im höheren Alter und beschäftigen uns zunehmend auch mit gerontologischen Problemen. Im Rahmen seiner Master-Thesis hat Herr Markus Sutter, Bereichsleiter Rehabilitation, 2008 eine Studie „Low Vision-Rehabilitation bei altersabhängiger Makuladegeneration unter besonderer Beachtung eines umfassenden Assessments“ durchgeführt. Die Arbeit untersucht detailliert die visuellen Funktionen bei 82 Klienten bzw. die Funktionseinbussen spezifisch für die altersbedingte Makuladegeneration (AMD). Diese werden mit erforderlichen psycho-sozialen Anpassungsleistungen in Beziehung gesetzt, die durch die Betroffenen zu erbringen und einzuüben sind.

Gleichzeitig haben wir uns in der Rehabilitation verstärkt bemüht, unser Know-how bezüglich der für Sehbehinderte speziellen Beleuchtung zu erweitern. Deshalb freut es uns, dass sich – obwohl die Problematik schon längere Zeit bekannt ist – nun auch vermehrt Architekten und Planer, die mit dem Neu- und Umbau von Alterseinrichtungen beschäftigt sind, an uns wenden, um sich bezüglich der Gestaltung einer „sehfreundlichen“ Beleuchtung beraten zu lassen.

Von den Menschen, die durch unsere Sozialarbeiterinnen beraten wurden, standen 87% im erwerbsfähigen Alter. Viele holten sich Rat und Unterstützung, um ihre Rechte gegenüber den Sozialversicherungen geltend zu machen. Gesuche einreichen, Entscheide überprüfen und allenfalls Einsprache erheben, sind heute kaum ohne Unterstützung zu bewältigen. Die fünfte IV-Revision hat viele Klienten, welche bereits IV-Leistungen beziehen, verunsichert und machte vertiefte Informationsgespräche notwendig.

Auch standen in unserer Beratungstätigkeit erneut Themen wie die berufliche Ausrichtung und Eingliederung, die Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz sowie der Verlust der Arbeitsstelle infolge der Behinderung oder aus wirtschaftlichen Gründen im Zentrum.

Schwierig bleibt es für sehbehinderte Menschen, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden bzw. ihre angestammte Stelle nicht zu verlieren. Diese Problematik wird für diejenigen, welche über keine berufliche Grundausbildung verfügen und/oder eine Beschäftigung in einem handwerklichen Bereich suchen, noch gesteigert.

Die sich in der zweiten Jahreshälfte abzeichnenden wirtschaftlichen Probleme und ihre Auswirkungen auf den Stellenmarkt der Schweiz lassen befürchten, dass behinderte Menschen in nächster Zukunft diesbezüglich mit noch grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen haben werden und unsere Sozialberatung vordringlich gefordert sein wird.

Im Fachbeitrag des vorliegenden Jahresberichts präsentieren wir deshalb den Beruf der medizinischen Masseurin, der für sehbehinderte Menschen besonders geeignet ist und einigen vielleicht neue berufliche Perspektiven eröffnen kann. Die in diesem Beitrag geschilderten Erfahrungen einer Sehbehinderten, die diesen Beruf erlernt hat, zeigen aber auch deutlich, dass trotz gutem Willen, grosser Arbeitsfreude und Einsatzbereitschaft der Weg zu einer Erwerbstätigkeit, die es ermöglicht, den Lebensunterhalt selbständig zu bestreiten, sehr schwierig bleibt.

Zu einem kleinen Teil bestand unsere Tätigkeit auch darin, die Anliegen sehbehinderter Menschen bei verschiedenen Fachkreisen bekannt zu machen bzw. die Interessen unserer Klienten in verschiedenen Projekten zu vertreten.

Im Rahmen der Erweiterung der gerontologischen Kenntnisse haben wir 2008 die Gelegenheit erhalten, in der Berufsausbildung für Pflegefachkräfte an den höheren Fachschulen und den Fachhochschulen auf die Probleme und Anliegen älterer sehbehinderter und blinder Menschen hinzuweisen. Der Erfolg dieser Unterrichtstätigkeit wird in Zukunft dazu führen, dass wir flächendeckend alle zukünftigen Pflegefachkräfte mit unserem Anliegen in der Grundausbildung erreichen können.

Durch unser Mitwirken in Gremien und Kommissionen der Behindertenhilfe ist es erneut gelungen, Massnahmen durchzusetzen, welche den Zugang zum öffentlichen Raum und zum öffentlichen Verkehr für behinderte und sehbehinderte Menschen erleichtern sollen.

Was die interne Organisation der BRSB betrifft, ging es im Berichtsjahr vor allem darum, trotz langer krankheits- und unfallbedingter Absenzen und trotz eines Personalwechsels in der Rehabilitation die Beratungstätigkeit im üblichen Rahmen und in der üblichen Qualität sicher zu stellen. Dies wurde möglich dank der von den verschiedenen Fachteams gezeigten Flexibilität und dem grossem Engagement aller einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dafür sei hier allen ganz herzlich gedankt.

Die im September durch das Bundesamt für Sozialversicherungen durchgeführte Prüfung unserer Controllingdaten wurde gut bestanden, worüber wir uns alle sehr gefreut haben. Diese Erfahrung hat uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, dass diejenigen Personen, die im Bundesamt für Sozialversicherungen für unsere Leistungsverträge verantwortlich zeichnen, auch die Realität der täglichen Arbeit der Beratungsstelle näher kennen lernen, um ihr im Vertrag gerecht werden zu können.

Da 2009 unser bisheriges Datenverwaltungs- und Leistungserfassungssystem ersetzt werden muss, haben wir uns intensiv mit der Suche nach einem neuen Programm beschäftigt. Erfreulicherweise konnte erneut mit anderen Organisationen des Sehbehindertenwesens eine gemeinsame Lösung gefunden werden, was uns ermöglicht, die Entwicklungs- und Anschaffungskosten zu reduzieren. Zur Deckung dieser zusätzlichen Kosten und zur Entlastung unseres Budgets wurde Ende Jahr eine besondere Sammelaktion gestartet, welche bei vielen Gönnern der BRSB Gehör gefunden hat. Vielen Dank!

Nebst den substantiellen Beiträgen der IV/AHV und des Kantons Bern, die unsere Dienstleistungen überhaupt möglich machen, waren wir auch im letzten Jahr auf die finanzielle Unterstützung durch unsere Trägerorganisationen – Blinden- und Behindertenzentrum Bern (ehemals Sehhilfe Bern) und Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband – angewiesen, die das nicht unbedeutende, regelmässig anfallende Defizit decken. Auch ihnen gilt unser herzlichster Dank!

Danken möchten wir aber auch all denjenigen – Klienten und deren Angehörigen, Augenoptikern, Augenärzten, Stiftungen, dem Lions Club Bern Bantiger und andern wohlwollenden Menschen –, welche 2008 konstruktiv mit uns zusammengearbeitet oder uns mit einem Beitrag finanziell unterstützt haben. Sie haben uns das Ausserordentliche ermöglicht!

 

Patricia Pedrina, Leiterin