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Auf der Lambretta und im Militärjeep zum Hausbesuch

Gertrud Bienz, Sozialarbeiterin und LPF*-Lehrerin der ersten Stunde

Ich habe bei beiden Augen von Geburt an eine Sehschwäche. Trotzdem konnte ich in Lausanne in die normale Schule gehen, machte die Matur und besuchte anschliessend die Sozialschule in Genf. Mein Traum war es immer gewesen, einmal ein Kinderheim zu leiten. Während den verschiedenen Praktika wurde mir aber bewusst, dass meine Sehschwäche solch eine Aufgabe doch zu sehr erschwert.

1949 machte ich ein weiteres Praktikum, und zwar bei der Blindenfürsorge in Bern (BBFV, heute Verein Sehhilfe Bern). Vormittags half ich im Heim, nachmittags arbeitete ich auf dem Sozialdienst und unterstützte die Sekretärin, Fräulein Schaffer. Ja, damals hiessen wir alle noch Fräulein. Wegen ihrer starken Sehbehinderung war sie um Hilfe froh. Im ganzen Kanton besuchten wir zusammen die blinden und sehbehinderten Leute, die sie kannte, junge und alte, Männer und Frauen. Kinder waren noch wenige darunter. Damals gab es noch keine IV, und so wurden viele Fälle gar nicht bekannt. Als sich Fräulein Schaffer mit siebzig zur Ruhe setzte, konnte ich 1953 als Sozialarbeiterin ihre Stelle übernehmen.

Es folgte eine anstrengende, aber auch sehr schöne Zeit. Bepackt mit all meinen Hilfsmitteln fuhr ich im Zug und Postauto zu den Leuten, machte Auto-, Lambretta- und Militärjeepstopp, um in die hintersten Dörfer zu gelangen. Im Jura hatten die Fabriken damals schon betriebseigene Sozialarbeiterinnen. Diese Kolleginnen fragte ich an, ob ich nicht mitfahren könnte, wenn sie Besuche an einem Ort machten, wo ich auch hinwollte. Das hat vieles erleichtert, und wir hatten es sehr lustig zusammen. In der Kantine einer Drahtzugfabrik in Biel konnte ich auch Weihnachtsfeiern für meine Klientinnen und Klienten durchführen. Sie waren ein grosser Erfolg, die Leute kamen aus dem ganzen Jura.

Als privater Verein war die Blindenfürsorge natürlich auf Spenden angewiesen. Was hab ich gesammelt und Mitglieder geworben in meinem Leben! Ich liess mir einiges einfallen, habe selber Prospekte gestaltet, in Schulen Vorträge über den Alltag von blinden und sehbehinderten Menschen gehalten und die Klassen um Sammelaktionen gebeten.

Neben meiner Tätigkeit in der Sozialarbeit unterrichtete ich in meinem Büro junge Männer und Frauen, die im kaufmännischen Bereich arbeiten wollten, in Schreibmaschinenschreiben, Blindenschrift und Französisch. Ich verlangte viel von ihnen, denn es war klar, dass sie sehr gut sein mussten, um als Blinde und Sehbehinderte in der Arbeitswelt bestehen zu können.

Stolz bin ich auf die Kurse, die wir für Hausfrauen auf die Beine stellten. Die Frauen kamen aus der ganzen Schweiz zu uns nach Bern und lernten während fünf Wochen, wie sie vor allem den Haushalt besser bewältigen konnten. Wir führten den Kurs auf Deutsch, Französisch und Italienisch durch. Einmal war übrigens auch ein Hausmann mit dabei.

Mich hat immer interessiert, wie anderswo mit blinden und sehbehinderten Menschen gearbeitet wird. Auf eigene Kosten reiste ich etwa zu einer Cousine nach Paris, um verschiedene Institutionen zu besuchen. Es gab dort ähnliche Kurse für Hausfrauen, wie wir sie anboten. Später habe ich in Düren (D) eine Weiterbildung vor allem für die Arbeit mit Kindern besucht. Damals war man in Deutschland in diesem Bereich viel weiter als bei uns in der Schweiz. 

Wichtig war auch der Kontakt mit den Kolleginnen in anderen Kantonen. Wir fingen an, uns regelmässig zu treffen, um Erfahrungen auszutauschen und Probleme zu besprechen. Als die IV geschaffen wurde, beschlossen wir, alle blinden und sehbehinderten Hausfrauen anzumelden, obwohl das nicht vorgesehen war, da sie ja nicht als berufstätig galten. Die Anträge verschwanden irgendwo in einer Schublade. Nach über zwei Jahren wurden die Renten für Hausfrauen schliesslich doch Wirklichkeit.

Als in Zürich die erste Vereinigung von Eltern blinder und sehbehinderter Kinder gegründet wurde, fragte man mich an, ob ich nicht auch im Kanton Bern ein solches Projekt starten könnte. Ich schrieb als erstes die Augenärzte an, um mit Eltern und Kindern in Verbindung zu kommen. Innerhalb von kürzester Zeit stiegen in der bestehenden Kartei die Adressen um das Doppelte an. Fünfzehn Jahre lang, von 1967 bis zu meiner Pensionierung, war ich als Sekretärin für die Berner Sektion der Elternvereinigung zuständig. Der wichtigste Teil meiner Arbeit war die Beratung der Eltern von blinden und sehbehinderten Kindern. Wie zuvor schon machte ich in dieser Zeit viele Hausbesuche, nur hatte ich neu auch noch Spielzeug mit dabei.

Seit meine Schwester gestorben ist, die mich im Alltag unterstützt hat, wohne ich im Altersheim Neufeldhaus. Ich habe viel gearbeitet in meinem Leben, aber ich liebte meine Arbeit. Sie war sehr spannend, und ich bin reich beschenkt worden mit Erlebnissen und Begegnungen.

* LPF: Lebenspraktische Fertigkeiten 

Aufgezeichnet von Christa Amstutz

Gertrud Bienz wurde 1922 in Lausanne geboren. Sie arbeitete von 1953 bis 1967 als Sozialarbeiterin, anschliessend – d.h. bis zu ihrer Pensionierung im 1982 - war sie als Reha-Fachkraft auf der Beratungsstelle des BBFV, Vorgängerin der BRSB, tätig.