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Zwanzig bewegte Jahre

Zu unserem 20. Geburtstag haben wir Stimmen gesammelt über die Anfänge, die heutige Arbeit und die Zukunft unserer Beratungs- und Rehabilitationsstelle und darüber, was sich im Alltag von blinden und sehbehinderten Menschen in dieser Zeit verändert hat.

Die Gründungsmitglieder

Fritz Leu, ehemaliger Vorstandspräsident Verein Sehhilfe Bern

Der Gründung der BRSB ging eine sehr bewegte Zeit voraus. Ich war damals ehrenamtlicher Vorstandspräsident des Bernischen Blindenfürsorgevereins, der heutigen Sehhilfe. Als die langjährige Leiterin unserer Beratungsstelle, Renée von Erlach, pensioniert wurde, fingen die Probleme an. Wir hatten uns zuwenig Gedanken um ihre Nachfolge gemacht, und die Stelle stand eine Zeit lang ohne Leitung da. Schon zuvor hatte zudem ein Generationenwechsel eingesetzt. Zu den älteren Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern waren junge Fachleute hinzugekommen. Unterschiedliche Weltanschauungen und Auffassungen über Sozialarbeit trafen aufeinander. Der Zustand ohne klare Führung und die Tatsache, dass ein interimistischer neuer Leiter nur Kritik für unsere bisherige Arbeit fand, liessen die Situation eskalieren. Ein Teil der jüngeren Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter trat schliesslich in einen Streik. Langjährige Mitarbeitende verliessen die Stelle, weil sie unter dem schwierigen Klima litten. Die Auseinandersetzungen zogen sich über ein Jahr hin. Die positive Folge der festgefahrenen Situation war, dass wir gezwungen wurden, nach neuen Lösungen zu suchen. Es brauchte konzeptuelle Änderungen, damit wieder die Arbeit für die blinden und sehbehinderten Menschen im Vordergrund stehen konnte. Die Diskussionen machten auch klar, dass Rehabilitation eine zu komplexe Aufgabe ist, um sie weiterhin alleine zu erfüllen. Es brauchte die Zusammenarbeit aller beteiligten Organisationen.

Das überzeugende Resultat dieses Prozesses, an dem die heutige Leiterin Patricia Pedrina massgebend beteiligt war, ist die BRSB. Als es dann noch gelang, die nähere Zukunft der Stelle mit einer Subvention des Kantons zu sichern, konnte ich mich getrost zurückziehen. Vorher wäre das für mich niemals in Frage gekommen. Schwierigkeiten gilt es durchzustehen, bis im Interesse der Sache eine gute Lösung gefunden ist.

Urs Kaiser, ehemaliger Zentralsekretär SBV

Bis zur Gründung der BRSB vor zwanzig Jahren gab es in Bern drei Institutionen, welche Fachberatung und Rehabilitationsdienste für Personen mit einer Sehbehinderung anboten: der Bernische Blindenfürsorgeverein (heute Verein Sehhilfe Bern), der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband und der Schweizerische Blindenbund. Mit dem Zusammenschluss unter einer gemeinsamen Trägerschaft wollten wir Doppelspurigkeiten abbauen, Synergien nutzen und die dadurch frei werdenden Mittel für die langfristige Sicherung der neuen Fachstelle und den qualitativen Ausbau ihres Angebotes einsetzen. Ich war zu dieser Zeit Zentralsekretär des Blindenverbandes und somit auch zuständig für die Leitung der Fachdienste. Obwohl mit der Aufgabe der eigenen Stelle auch ein Stück Identität und Autonomie verloren ging, war ich von Anfang an von den Vorteilen überzeugt. Der SBV hatte sich bereits in den 70er Jahren für die Doppelstrategie „Förderung der Selbsthilfe und der Fachhilfe“ entschieden, und so war das Zusammengehen mit den anderen Organisationen lediglich ein konsequenter Schritt auf diesem Weg. Beeindruckt hat mich von Anfang an die Professionalität, mit welcher die neue Stelle geführt wurde. So wurden Managementgrundsätze, wie sie heute in nichtgewinnorientierten Organisationen üblich sind, schon vor zwanzig Jahren im Betriebsausschuss der BRSB angewendet. Die damalige konsequente Ausrichtung auf strategische Ziele ist sicher mit ein Grund, dass die BRSB so gut funktioniert und als beispielhafte Fachstelle mit einem umfassenden und qualitativ hochstehenden Beratungs- und Rehabilitationsangebot weit herum anerkannt ist. Als kleiner Wermutstropfen muss wohl angemerkt werden, dass sich der Blindenbund 2004 aus der gemeinsamen Trägerschaft verabschiedet hat.

Der Betriebsausschuss

Jürg Romer, Präsident

Für den Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband SBV ist die Beratungs- und Rehabilitationsstelle für Sehbehinderte und Blinde (BRSB) von grosser Bedeutung. Als Selbsthilfeorganisation wollen wir unseren Mitgliedern qualitativ hochstehende Dienstleistungen bieten. Die durchwegs positiven Rückmeldungen bestätigen uns in unserem Engagement. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Sehhilfe Bern hat Schule gemacht. Ihrem Beispiel sind wir auch in der Zentralschweiz gefolgt, wo der SBV und der Blindenfürsorgeverein Innerschweiz nun eine gemeinsame Beratungsstelle führen.

Die Finanzen werden in der Zukunft eine wichtige Herausforderung sein. Wir erhalten Beiträge von der IV und der AHV im Rahmen eines Leistungsvertrages. Gelingt es nicht, die IV zu sanieren, kann das auch für uns negative Konsequenzen haben. Als Trägerorganisation müssen wir uns weiterhin intensiv um Spendengelder bemühen, damit wir die Finanzierung der BRSB gewährleisten können. Der Betriebsausschuss der BRSB hat beschlossen, dass auch die Stelle selbst ihre FundraisingMassnahmen verstärken soll.

Das Leistungsangebot der BRSB ist unbestritten. Wir müssen alles daran setzen, es zu erhalten. Dies ist besonders wichtig, weil der Bedarf an Beratung und Rehabilitation noch steigen wird. Die Zahl der älteren Leute nimmt zu und damit auch die Zahl der Menschen, die im Alter sehbehindert werden. Zugleich gilt es, unsere Dienstleistungen den sich wandelnden Bedürfnissen der KlientInnen anzupassen. Immer mehr Menschen, die im Alter unter einer Sehschwäche leiden, sind mit dem Computer aufgewachsen. Wir müssen auf ihren Wunsch nach entsprechenden Hilfsmitteln und Anpassungen rasch reagieren können.

Martin Buser, Vizepräsident

Ich vertrete den Verein Sehhilfe Bern im Betriebsausschuss der BRSB. Wir sind keine Selbsthilfeorganisation wie der Blindenverband. Zwei unterschiedliche Traditionen treffen in diesem gemeinsamen Projekt aufeinander, was eine Herausforderung ist. Der Erfolg der BRSB spricht aber klar für die Zusammenarbeit. Die Beratung und Rehabilitation ist neben dem Bereich Wohnen und dem Bereich Arbeiten eine von drei Dienstleistungen, welche die Sehhilfe in der Grossregion Bern erbringt. Die BRSB, das Wohnheim Neufeldhaus und die Vereinigten Blindenwerkstätten befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Dies ergibt ein kleines Dienstleistungszentrum im Neufeld und schafft Synergien.

In den letzten zwanzig Jahren wurde viel erreicht. Die BRSB ist gut verankert und hat durch die Zusammenarbeit mit Augenärzten, Optikern, Altersheimen ein Netzwerk aufgebaut, dank dem die Leute auch wirklich erreicht werden. Eine der Herausforderungen für die Zukunft ist natürlich auch weiterhin die Beschaffung der finanziellen Mittel.

Ich engagiere mich ehrenamtlich. Unsere Tochter ist von Geburt an stark sehbehindert und wurde von den verschiedenen Einrichtungen im Blindenbereich vorbildlich unterstützt und gefördert. Da war es für mich selbstverständlich, das mir angebotene Mandat anzunehmen. Im Übrigen ist es als Anwalt eine schöne Abwechslung, in einem Team an einer Aufgabe zu arbeiten, über die man nicht strittig ist und bei deren Gelingen alle gewinnen. 

Die Klientinnen

Jolanda Gehri

Als ich in Bern eine Stelle antrat, kam ich zum ersten Mal mit der BRSB in Kontakt. Ich besuchte damals eine Schulung in Orientierung und Mobilität O+M. Später, während meiner ersten Schwangerschaft, war mir die Unterstützung in lebenspraktischen Fertigkeiten LPF eine grosse Hilfe. Eine Mitarbeiterin der BRSB begleitete mich zum Säuglingspflegekurs und kam nach der Geburt meines Sohnes regelmässig an einem Nachmittag in der Woche zu mir nach Hause, um mich zu unterstützen. Sie wurde zur Freundin und ist die Gotte meiner Tochter. Die Kinder sind inzwischen erwachsen. Die ganzen Jahre über habe ich ab und zu Angebote der BRSB genutzt, vor allem die Unterstützung in administrativen Belangen. Ich habe ein gutes Beziehungsnetz. Dennoch schätze ich es, dass die Sozialarbeiterin der BRSB immer ein offenes Ohr hat für mich, auch für meine Sorgen.

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, als eine Frau der Blindenfürsorge jeweils zu uns nach Hause kam, wird mir bewusst, wie viel sich in all den Jahren verändert hat. Früher liess man die Betroffenen nicht selber entscheiden, was sie brauchen oder nicht. Heute wird man sehr ernst genommen. Man muss sich die Hilfen aber auch aus eigener Initiative holen. Ob das alle tun, bezweifle ich. Ich denke, es gibt immer Personen, die sich im öffentlichen Leben nicht so gut zurechtfinden und die Mühe haben, bei einer Stelle vorzusprechen. Ihnen sollte man die Dienstleistungen der BRSB vielleicht aktiver anbieten.

I. G.

Ich kenne die Beratungs- und Rehabilitationsstelle, seit es sie gibt. Als ich 32 Jahre alt war, verschlechterte sich meine Sehfähigkeit massiv. Ich bin Genträgerin der Makuladegeneration, die sonst meist im Alter auftritt. Auf der Beratungsstelle kaufte ich als erstes die dringend nötigen Hilfsmittel. Vor allem aber die Begleitung durch die Sozialarbeiterin war sehr wichtig für mich. Sie hat mich zum Beispiel in all den komplizierten Rentenfragen beraten.

Seither habe ich immer wieder in gewissen Momenten meines Lebens Unterstützung bei der BRSB gesucht. Ich schätze die Kontinuität der Begleitung. Seit vielen Jahren ist dieselbe Sozialarbeiterin meine Ansprechperson. Sie kennt meine Geschichte, meine Probleme und Bedürfnisse. Das ist sehr angenehm. Wenn ich etwas brauche, kann ich mich an sie wenden, und sie vermittelt mich an die zuständigen Stellen weiter. Vor drei Jahren habe ich mir zum Beispiel einen PC angeschafft. Von einer Spezialistin wurde mir alles Nötige erklärt. Ich wüsste nichts, was verbessert werden sollte am Angebot der BRSB. Es darf aber auf keinen Fall reduziert werden, das wäre schlimm.

Die MitarbeiterInnen

Jean-Luc Perrin, Orientierung und Mobilität

Vor 24 Jahren habe ich die Ausbildung zum Lehrer für Orientierung und Mobilität gemacht, die zum ersten Mal in der Schweiz angeboten wurde. Als in Bern die im Blindenbereich tätigen Organisationen den Versuch eines gemeinsamen Rehabilitationszentrums starteten, fing ich dort mit meiner Arbeit an. Es erwies sich als sinnvoll, in einem Fachbereich die Kräfte zu bündeln. Zugleich erlebten wir, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern ist. Für unsere Arbeit war es sehr positiv, dass mit der Schaffung der BRSB der Rehabilitations- und der Beratungsbereich unter einem Dach vereint wurden.

In der Schulung für Orientierung und Mobilität geht es darum, blinde und sehbehinderte Personen zu befähigen, sich in der Umwelt so sicher und selbständig wie möglich zu bewegen. Zusammen klären wir die persönlichen Ziele ab und planen das Vorgehen. Ich berate die Klientinnen und Klienten in der Wahl des geeigneten Hilfsmittels, begleite sie auf den für sie wichtigen Wegen, übe mit ihnen, den Strassenverkehr zu bewältigen, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen und vieles mehr. Ich freue mich immer auf den Tag, an dem ich mich unterwegs von einem Klienten verabschieden kann, und er alleine weitergeht, ohne dass ich mir um ihn Sorgen machen muss.

In den letzten zwanzig Jahren ist es auf den Strassen hektischer geworden, und die Mobilitätsansprüche sind gestiegen. Zugleich wurden aber auch wichtige Verbesserungen in der Gestaltung des öffentlichen Raums erzielt wie Leitlinien, taktile Ampeln oder automatische Ansagen in Tram und Bus. Zusammen mit einem Betroffenen vertrete ich die Interessen von blinden und sehbehinderten Menschen bei der Planung im öffentlichen Verkehr und Raum. Bis ins Jahr 2024 sollen die Forderungen des neuen Behindertengesetzes erfüllt sein. Wir setzen uns dafür ein, dass möglichst vieles möglichst bald realisiert wird.

Marian Zaugg, Beratung

Ich arbeite seit 18 Jahren als Sozialarbeiterin auf der BRSB. Und ich bin nicht die einzige im Haus, die schon lange mit dabei ist. Das schafft Kontinuität für die Klientinnen und Klienten und spricht für das Konzept der Beratungs- und Rehabilitationsstelle. Ich schätze es sehr, eng mit den Fachleuten aus den anderen Bereichen zusammenarbeiten und umfassende Dienstleistungen anbieten zu können.

Zu uns kommen Menschen jeden Alters und aus allen sozialen Schichten, so wird meine Arbeit nie zur Routine. Der Verlust des Sehvermögens ist sehr schmerzlich und mit vielen Folgeproblemen psychosozialer und finanzieller Art verbunden. Ich informiere und berate die Klientinnen und Klienten, auch unter Einbezug ihres Umfeldes, mache Anträge an IV und Stiftungen und vermittle die unterschiedlichsten Dienstleistungen. Ich erlebe es als sehr bereichernd, die Betroffenen auf ihrem Weg zu unterstützen und mitzuhelfen, individuelle und zukunftsorientierte Lösungen zu suchen.

Wenn ich auf all die Jahre zurückblicke, hat sich auf dem Arbeitsmarkt vieles zuungunsten unserer Klientinnen und Klienten verändert. Durch Rationalisierung, Modernisierung und Effizienzsteigerung gingen zum Beispiel viele Nischenarbeitsplätze verloren. Auf der anderen Seite haben die technischen Fortschritte auch bessere Hilfsmittel für sehbehinderte und blinde Menschen ermöglicht.

In letzter Zeit werden Fragen rund um Arbeit und Integration wieder vermehrt öffentlich thematisiert. Dies ist eine positive Entwicklung. Für die Zukunft der BRSB wünsche ich mir, dass wir auch weiterhin die nötigen Mittel haben, um unsere Klientinnen und Klienten möglichst umfassend und ohne lange Wartezeiten zu unterstützen.

Rita Tschan, Hilfsmittel

Ich arbeite seit 1989 für die BRSB, seit einigen Jahren bin ich für die Hilfsmittel verantwortlich. Wir haben hier vieles, was blinden und sehbehinderten Menschen im Alltag nützlich ist, von sprechenden Uhren und Weckern über Grosstastentelefone, Diktiergeräte und Haushalthilfen bis hin zu Spielen und Abspielgeräten für Hörbücher. Für die spezialisierten Hilfsmittel wie weisse Stöcke oder Lupen und andere Sehhilfen sowie den ganzen EDV-Bereich, bin ich nicht zuständig. Da braucht es eine Abklärung und Einführung bei den entsprechenden Fachleuten.

Ich glaube, dass unser Angebot inzwischen gut bekannt ist, es kommen immer mehr Leute. Die Hilfsmittelstelle, und überhaupt die BRSB, ist für viele Klientinnen und Klienten ein vertrauter Ort. Gerade ältere Menschen schätzen es, ab und zu vorbeizukommen, vielleicht eine neue Uhr zu kaufen und etwas zu plaudern. Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass ich nicht einfach Artikel verkaufe, sondern eine Beziehung zu ganz unterschiedlichen Menschen eingehe.

Ich bin froh, dass die BRSB trotz dem Umzug vor zwei Jahren im Quartier bleiben konnte. Für viele Klientinnen und Klienten wäre es schwierig gewesen, sich ganz neu zu orientieren.

Alle Interviews wurden geführt und aufgezeichnet von Christa Amstutz Gafner.

Christa Amstutz Gafner ist Redaktorin der Zeitschrift «frauen forum» und freie Journalistin in Bern. Durch die Mitarbeit an diesem Jahresbericht ist sie zum ersten Mal der Realität von blinden und sehbehinderten Menschen begegnet und hat dies als sehr bereichernd erlebt.