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Rehabilitation gestern, heute, morgen

Das Kepler- oder Galilei-Fernrohr gibt es seit 400 Jahren. Es ist als Monokular noch heute ein unschätzbares Hilfsmittel für sehbehinderte Menschen. Seit knapp 200 Jahren kennen wir die Punktschrift nach Braille. Auch sie ist noch aktuell, obwohl sie durch neuere Kommunikationstechniken etwas in den Hintergrund gerückt ist. Low Vision-Rehabilitation wiederum kennen wir in der Schweiz erst seit gut zwanzig Jahren.

Im Bereich der Rehabilitation hat sich für sehbehinderte und blinde Menschen in den letzten zwanzig Jahren vieles verändert, viel Bewährtes ist aber auch erhalten geblieben.

Mobilität ist in unserer heutigen Gesellschaft zentral. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist sie genauso wichtig wie für Menschen ohne Sehprobleme. Die Umwelt hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Der Verkehr nimmt stetig zu und damit auch die Hektik der Menschen. Hindernisse, wie die vielen Baustellen, wetzen die Spitzen der weissen Stöcke ab. All dies sind Herausforderungen für blinde und sehbehinderte Menschen, welche mobil und in die Gesellschaft integriert sein möchten. Die Entwicklung akustischer Ampelsysteme, die konsequente Anbringung von Leitlinien in Bahnhöfen, die Beschriftungen in Punktschrift und anderes mehr sind wichtige Umweltanpassungen, welche die selbständige und sichere Mobilität von blinden und sehbehinderten Menschen fördern. In diesem Bereich ist in den vergangenen Jahren, auch dank der unermüdlichen politischen Arbeit der Selbsthilfeorganisationen, vieles verbessert worden.

Die Grundprinzipien des Mobilitätsunterrichts sind zwar gleich geblieben, die Ansprüche und die Komplexität aber haben zugenommen. Technische Neuerungen wie sprachbasierte Navigationssysteme sind in Entwicklung und werden von sehbeeinträchtigten Menschen intensiven Gebrauchstests unterzogen. Es wird sich herausstellen, wie nützlich diese Errungenschaften im Alltag sind. Im Bereich der lebenspraktischen Fertigkeiten, in der konkreten Alltagsbewältigung, stellen wir ebenfalls kontinuierliche Veränderungen fest. Eine Rösti wird zwar immer noch gleich zubereitet, jedoch haben neue Geräte wie Induktionskochherde oder Steamer in unseren Wohnungen Einzug gehalten. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist das Erlernen von lebenspraktischen Fertigkeiten „technischer“ geworden. Gleichzeitig ist das Interesse an gewissen Tätigkeiten, wie zum Beispiel dem Nähen, zurückgegangen.

Wir stellen uns ab und zu die Frage, inwiefern die Technisierung des Alltags ein Segen oder ein Fluch ist. Was nützt blinden Menschen ein Touchscreen-Bankomat, wenn nicht mehr persönlich am Schalter Geld bezogen werden kann? Wie sollen sehbehinderte Menschen mit den Billettautomaten zurechtkommen, wenn kleine Bahnhöfe nicht mehr von Personal bedient werden? Wie weit wird diese „Entmenschlichung“ wichtiger Lebensbereiche gehen, und mit welchen Strategien ist die Partizipation am gesellschaftlichen Leben für sehbehinderte und blinde Menschen dennoch weiterhin möglich? Die neuen Technologien, gerade im Kommunikationsbereich, bieten auch viele Vorteile. Denken wir nur an Handys mit Sprachführung, die es auch blinden Menschen ermöglichen, eine SMS zu „lesen“.

Vor zwanzig Jahren war es ein Zufall, wenn eine sehbehinderte Person von Low Vision-Rehabilitation profitieren konnte. Heute sollte es ein Zufall sein, wenn sie keinen Zugang zu Low Vision-Massnahmen hat. Die Zusammenarbeit mit Augenärzten und Augenoptikern ist intensiviert worden. Im Kanton Bern gibt es schweizweit, ja sogar europaweit, die grösste Dichte an spezialisierten Low Vision-Augenoptikern. Low Vision-Rehabilitation befasst sich aber nicht in erster Linie mit Optik. Vielmehr geht es darum, Sehstrategien in den Alltag zu integrieren und die verschiedensten vergrössernden Sehhilfen korrekt und effizient zu handhaben. Im Vordergrund steht die alltagsnahe Umsetzung von „Vergrösserung, Licht, Kontrast“. Beim Licht zum Beispiel setzen sich neue, sehbehindertenfreundliche Systeme, wie indirekte oder dimmbare Beleuchtung, immer mehr durch. Weitere Low Vision-Massnahmen, welche sich etwa mit Sehstrategien (exzentrisches Sehen, Explorationsstrategien) befassen, sind zu einem wichtigen Bestandteil des Rehabilitationsangebots geworden.

Die grössten Veränderungen haben aber im Zugang blinder und sehbehinderter Menschen zu Informationen stattgefunden. Die rasante Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung eröffnet ganz neue Perspektiven. Die Informatik hat unsere Bürowelt völlig verändert und ist in einigen (leider nicht in allen) Bereichen für sehbehinderte und blinde Menschen erschlossen worden. Heute gibt es den blinden Informatiker, etwas, was man sich vor zwanzig Jahren noch kaum vorstellen konnte. An den Fortschritten zeigt sich aber auch die Ambivalenz der Technologie. Zum einen stehen blinden und sehbehinderten Menschen heute ungeahnte Informationsmöglichkeiten offen. Zum anderen breiten sich visuelle Systeme, die blinden und sehbehinderten Menschen nicht zugänglich sind, immer weiter aus. So stehen wir in der Rehabilitation ständig vor neuen, spannenden Herausforderungen.

Markus Sutter, Bereichsleiter Rehabilitation