In den Jahresberichten der vergangenen Jahre haben wir immer wieder darauf hingewiesen, dass bei allem gesellschaftlichen und politischen Wandel auf die Konstanz der BRSB und deren Leistungen Verlass ist. Im vorliegenden Jahresbericht müssen aber nun auch wir von einem Wandel berichten..., denn wir sind quasi aus der alten Haut geschlüpft! Wenn dieser Jahresbericht erscheint, werden wir nämlich unsere seit der Gründung – vor bald 19 Jahren – angestammten Büros an der Neufeldstrasse verlassen und die neuen Räumlichkeiten an der Zähringerstrasse 54 bezogen haben.
Eigentlich hätte es uns am alten Standort nach wie vor gefallen, aber unter diesem Dach wird neu ein Alters-und Pflegeheim des Vereins Sehhilfe Bern entstehen. Deshalb mussten für die BRSB neue Räumlichkeiten gefunden werden. Glücklicherweise ist es dem Verein Sehhilfe Bern gelungen, in Herrn Rudolf Beyeler einen privaten Investor zu finden, der ganz in der Nähe des alten Standorts zwei Liegenschaften erstanden und renoviert hat und der BRSB darin fünf Wohnungen vermietet. Dies erlaubt uns, in unmittelbarer Nachbarschaft des Blindenheims Neufeldhaus und der Vereinigten Blindenwerkstätten VBW zu bleiben. Sowohl für die Pensionäre des Heimes als auch für die sehbehinderten Mitarbeitenden der Werkstätten, die in Kontakt mit unserer Beratungsstelle stehen, dürfte diese Lösung vorteilhaft sein. Zudem bleibt das seit Jahrzehnten im Länggass-Quartier bestehende und bewährte Dienstleistungszentrum für sehbehinderte und blinde Menschen erhalten. Nur schade, dass sich der Wunsch unseres Teams, auch die EDV-Beratungsstelle, die Kreativ-Gruppen und das Atelier für Blinde und Sehbehinderte des Schweizerischen Blinden-und Sehbehindertenverbandes (SBV) in unmittelbare Nähe zu holen, nicht realisieren liess. Die sehr gute und für alle Beteiligten wertvolle Zusammenarbeit bleibt jedoch bestehen.
Trotz der Wehmut beim Verlassen der alten Liegenschaft freuen wir uns über den neuen Standort und die neuen Räumlichkeiten. Obwohl uns nicht mehr Raum zur Verfügung steht, ermöglicht uns die Disposition der Räume, unseren Klienten mehr Annehmlichkeiten zu bieten. So stehen jetzt im leicht zugänglichen Erdgeschoss, gleich neben dem Empfang, ein heller Warteraum und eine schmucke Hilfsmittel-Ausstellung zur Verfügung. Auf der gleichen Ebene finden sich für die LV-Beratung zwei Abklärungs-und Trainingsräume sowie ein Präsentier-und Übungszimmer mit verschiedenen elektronischen Hilfsmitteln. Beratungsgespräche mit den Sozialarbeiterinnen können sowohl im Besprechungsraum im Erdgeschoss als auch in den Büros der Beraterinnen in einem oberen Stockwerk durchgeführt werden. Die Büros der Fachkräfte und die Administration der Stelle befinden sich im ersten und zweiten Stock. Alle Räume im Erdgeschoss sind rollstuhlgängig. Die Beleuchtung wurde mit Rücksicht auf unsere Klientel gewählt. Die verschiedenen Typen von Leuchten zeigen unseren Klienten und weiteren Interessierten, welche Effekte mit den unterschiedlichen Lichtquellen erreicht werden können.
Die Einrichtung der neuen Räume sowie die Vorbereitung und Durchführung des Umzugs haben unserer Stelle viel zusätzliche Arbeit beschert, die mit äusserst knappen personellen Mitteln bewältigt werden musste. Ein grosser Dank geht an alle, die zur erfolgreichen Abwicklung des Projektes mit grossem persönlichen Einsatz beigetragen haben, ganz besonders an Herrn Markus Sutter, Bereichsleiter Rehabilitation und an Frau Denise Frutiger, Sekretärin der Leitung, welche immer den Überblick behielten.
Aber trotz dieser für alle merkbaren, bedeutenden und aufwändigen Vorbereitungen für die Änderung des Auftritts der BRSB galt auch in diesem Jahr der Löwenanteil unserer Anstrengungen der Erbringung qualitativ hochstehender Dienstleistungen in genügendem Ausmass.
In diesem Jahr konnten wir mehr als 1'500 sehbehinderten und blinden Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Damit verzeichnen wir erneut eine kleine Zunahme (+5%) bei der Klientenzahl. Während der Anteil der Klienten im IV-Alter konstant blieb, stieg die Zahl der Klienten im AHV-Alter weiter an. 584 Personen sind in diesem Jahr das erste Mal mit uns in Kontakt getreten.
Eine Sozialberatung wurde hauptsächlich von Personen im IV-Alter beansprucht. Hier nahm nach wie vor die Unterstützung bei der Lösung von Problemen im Bereich der Sozialversicherungen einen grossen Platz ein. Die Zahl der Einsprachen gegen Entscheide der Invalidenversicherung hat sich gegenüber dem Vorjahr geradezu verdoppelt. Auch die Hilfestellung bei der Suche eines geeigneten Arbeitsplatzes beanspruchte uns besonders. Trotz dem ungebrochenen Willen zu arbeiten, bleibt nach wie vor die berufliche Wiedereingliederung für viele sehbehinderte Menschen ein nur sehr schwer erfüllbarer Wunsch. Vermehrt mussten wir in diesem Jahr für unsere Klienten Gesuche um finanzielle Unterstützung stellen. Dabei ging es um die Deckung von Kosten für Hilfsmittel und Transport sowie um Überbrückungshilfen. Selbstverständlich wurde auch der Unterstützung der Betroffenen und deren Angehörigen bei der Bewältigung der mit der Sehbehinderung verbundenen Schwierigkeiten im persönlichen oder im familiären Bereich der nötige Platz eingeräumt.
85% unserer Klienten beanspruchten Rehabilitationsdienstleistungen, im Speziellen Low-Vision Rehabilitation. Gerade in diesem Bereich ist auch eine zunehmende Vielfalt des Angebotes von elektronischen Hilfsmitteln festzustellen. So beginnt sich bei den Bildschirmlesegeräten der Flachbildschirm durchzusetzen, obwohl die Röhrenmonitore je nach Einsatzbereich durchaus noch ihren Zweck erfüllen. Vermehrt auf den Markt kommen auch Hilfsmittel mit einer Schnittstelle zum PC, wie z.B. Diktiergeräte, bei denen die Informationen auf dem PC weiter verarbeitet werden können. Diese Möglichkeiten bringen für sehbehinderte und blinde Personen eine erhebliche Entlastung, verlangen aber eine sachgemässe Einführung durch geschulte Fachkräfte.
Unser Fachbeitrag auf Seite 9 gibt einen Einblick in unser Angebot und unsere Arbeit in der Rehabilitation.
In kleinem Rahmen sind wir auch in den Bereichen der Information der Öffentlichkeit und von Fachpersonen aktiv geworden.
Das Thema unserer diesjährigen öffentlichen Veranstaltungen in Bern, Biel und Thun mit dem anerkannten Wissenschaftler Prof. Dr. med. N. Herschkowitz von der Universität Bern war «Wahrnehmen, Denken, Handeln – Neue Erkenntnisse der Gehirnforschung». Der Referent hat über die Entwicklung des Gehirns berichtet, die während der ganzen Lebensspanne anhält. Der besondere Schwerpunkt seiner Darlegungen war der Rolle des Gehirns für die Wahrnehmung – unter spezieller Berücksichtigung von Sehbeeinträchtigungen – gewidmet. Der Mensch nimmt über 80% aller Informationen mittels der Augen auf. Fällt der Sehsinn teilweise oder ganz weg, werden auch bei fortgeschrittenem Alter Lernprozesse in Gang gesetzt sowie neue Strategien und erstaunliche Kompensationsmechanismen entwickelt.
Im Bereich der Schulung und Sensibilisierung von Fachpersonen führten wir u.a. für 100 Bus-Chauffeure der Verkehrsbetriebe der Stadt Biel sowie für 95 angehende KantonspolizistInnen Kurse durch. Ziel war die Weitergabe von Informationen über die wichtigsten Schwierigkeiten der Blinden und Sehbehinderten bei der Fortbewegung. Wir vermittelten die wichtigsten Regeln für die Erbringung von praktischen Hilfestellungen und bei der Begleitung.
Die Sorge um das liebe Geld hat uns in diesem Jahr nicht verlassen, und wir konnten sie auch nicht in den alten Büroräumlichkeiten einfach zurücklassen... Wie viele andere soziale Einrichtungen haben auch wir mit der zunehmenden Verknappung der Mittel bei steigenden Anforderungen zu kämpfen. Trotz des substanziellen Beitrages von Bund (IV und AHV) und Kanton Bern müssen unsere Trägerorganisationen Jahr für Jahr erhebliche zusätzliche finanzielle Mittel zur Sicherstellung unseres Angebotes bereit stellen. Die Trägerschaft ist aber nicht in der Lage, mehr als Fr. 500'000.- pro Jahr zur Deckung des Betriebsaufwandes zu leisten.
Ab 2006 wird das jährliche Defizit voraussichtlich auf rund Fr. 700'000.- ansteigen, nicht zuletzt infolge der höheren Mietkosten für die neuen Räumlichkeiten. Da die Reserven gerade noch für ein Jahr reichen, wurden Betriebsausschuss und Leitung beauftragt, zuhanden der Trägerschaft ein Finanzierungskonzept für die neue Leistungsperiode 2007 - 2009 auszuarbeiten. Dieses Konzept wurde von den Vorständen beider Trägerorganisationen gutgeheissen. Es sieht vor, dass die fehlenden Fr. 200'000.- durch zusätzliche Erträge und Optimierungsmassnahmen im administrativen Bereich gedeckt werden. Gelingt uns dies nicht, drohen Sparmassnahmen beim Personal und Abbau von Dienstleistungen.
Eine erste Massnahme zur Ertragserhöhung wurde Mitte Jahr getroffen: Alle Klienten wurden im Verlauf der Beratung mittels eines für sie speziell konzipierten Spendenaufrufes auf die finanzielle Situation der Beratungsstelle aufmerksam gemacht. Zahlreiche Klienten haben diesen Aufruf verständnisvoll aufgenommen und haben mit einem finanziellen Beitrag auf unser Anliegen reagiert.
Und in dieser an sich schon angespannten Situation hat uns auch der Umzug noch mit zusätzlichen Kosten belastet. Finanzielle Mittel mussten für den Innenausbau, die sehbehinderten-freundliche Adaptierung und Ausstattung der Räumlichkeiten, die notwendigen Anschaffungen von Mobiliar und Beleuchtung gesucht werden.
Dank der grosszügigen Unterstützung durch die Stiftungen Otto Emil Liebermann (via Sehhilfe Bern) und Jules und Irène Ederer-Uehlinger, durch den Lions Club Bern-Bantiger, durch die Sektionen Bern, Biel und Thun des SBVs und die Regionalgruppe Bern des Schweizerischen Blindenbundes(SBb), von Sponsoren, Handwerkern, Lieferanten und vielen privaten Spendern, die alle grosszügig auf unseren Aufruf zur Unterstützung reagiert haben, konnten wir diese Situation jedoch meistern und vor allem die Trägerorganisationen entlasten.
Patricia Pedrina, Leiterin